Medizinische Versorgung (bis etwa 1959) |
Ärzte |
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Zahnarzt Dr. Segeth und Zahnärztin Frau Dr. AmmermannZeitzeugin (S.R.): "Dr. Segeth ist nur kurze Zeit in Reckenfeld tätig gewesen, etwa ein halbes Jahr. Das muss so um 1949/1950 gewesen sein. Dr. Segeth ist zu einem späteren Zeitpunkt wieder nach Stuttgart oder Umgebung zurück, dort wo er herkam. Seine Praxisräume hatte er bei der Familie Koll/Getta (Rheinstraße), die von Dr. Ammermann übernommen wurden. Segeth war ein begeisterter Laien-Darsteller und Helfer. Mit dem Leitungs-Ehepaar der Laienspielschar Reckenfeld - Lothar und Hertha Fabian - war er gut befreundet. 1947 wurde Dr. Segeth in den Vorstand des Heimatvereins Reckenfeld gewählt." Frau Dr. Ammermann wohnte in Münster bevor sie nach Reckenfeld zog. Sie hatte sich auf die in der Ärztezeitung erschienene Stelle beworben und auch bekommen. Von der Rheinstraße ist sie dann in die ‚Villa Imm' gezogen und hat dort gewohnt und ihre Praxis gehabt. Später ist sie dann in das von Dr. Reymann gebaute Haus an der Rheinstraße/Lippestraße gezogen. Allgemein-Mediziner Dr. Clemens SchuteGeboren am 31.3.1911 - gestorben in Reckenfeld am 3.2.1949 im Alter von nicht ganz 38 Jahren. Pfarrer Müller schreibt in seiner Chronik: "Am 8. Februar wurde Dr. Schute beerdigt. In der folgenden Zeit gab es Beratungen und Erwägungen über den neuen Arzt. Zwei Vertreter waren hier, die wir auch gern behalten hätten, aber vor der Ärztekammer wurde die Praxis einem dritten übertragen." Dass Pfarrer Müller Dr. Schute in seiner Kirchenchronik besonders erwähnte liegt u. a. daran, dass Schute sich für Belange der Reckenfelder besonders eingesetzt hat. Zeitzeuge: "Alle Schulkinder ließ er wiegen und messen. Wer Untergewicht hatte - also unterernährt war, bekam dann zusätzliche Sonderausgaben von Lebensmittelkarten. Das haben die Reckenfelder Familien ihm immer wieder gedankt." Mit der Krankenschwester Cornelia vom Schönstatt-Orden konnte Schute eine vertrauliche Zusammenarbeit aufbauen. Dr. Schutes Praxisbeginn in Reckenfeld war am 15.6.1945 in den Räumen der Familie Fengler, Lennestraße 7, und damit war er der erste praktizierende Arzt im Ort. Vor seinem Zuzug nach Reckenfeld war Dr. Schute im Clemenshospital als Assistenzarzt und Hüfferstift angestellt, von 1939 - Januar 1942. Die Hüfferstiftung hatte im Grevener Krankenhaus 20 Belegbetten zugewiesen erhalten; im Zweiten Weltkrieg besetzt von Dr. Schute. Während der Tätigkeiten im Grevener Krankenhaus entwickelte sich eine Bekanntschaft mit der Familie Sahle. Sahle hatte ein Grundstück in Reckenfeld und darauf baute er ein Doppelbehelfsheim für die Familie Schute. Im Juni ist Frau Schute mit ihren vier Kindern in das Haus an der Emsdettener Straße umgezogen. Ein Zeitungsausschnitt (ohne Datum und ohne weitere Zuordnung): "Der Bürgermeister will sich mit der Ärztekammer in Verbindung setzen, da durch den Tod Dr. Schutes unhaltbare Zustände in der Krankenversorgung in Reckenfeld eingetreten sind." Nach seinem Tod übernahm Dr. Bonn die Abwicklung und Praxisauflösung, Dr. Kötter als möglicher Nachfolger konnte auch nicht lange praktizieren, das traf auch auf Frau Dr. Tinius zu. Vier Monate hat Dr. Bonn auf dem Bauernhof Rickermann in Herbern gewohnt.Allgemein-Mediziner und Chirurg Dr. Heinrich ReymannZeitzeuge:"Dr. Reymann hat vor dem Zweiten Weltkrieg promoviert. Er wurde eingezogen und war Stabsarzt. Während des Krieges geriet er in russische Gefangenschaft und wurde in einem Gefangenenlager festgehalten. Dort hat er ärztliche Arbeit in kleinerem Rahmen verrichtet. Durch Hunger und Entbehrung habe er stark abgenommen und sei kurz vor dem Sterben gewesen, als eine russische Ärztin erfahren hatte, dass er Arzt (Chirurg) war. Sie holte ihn in ein russisches Krankenhaus, das in der Nähe der größten Panzerschlacht zwischen Deutschen und Russen gelegen hat. Von dort kamen die Schwerverwundeten und Dr. Reymann hätte sie vor dem sicheren Tod ‚notversorgt'. Er habe tage- und nächtelang operieren müssen und nichts zu sich nehmen können, weil er körperlich und seelisch am Ende war. Schwestern hätten den Ärzten dann mal ein Ei geschlagen, damit sie nicht vollkommen von den Pinnen kamen. Nur einmal kurz die Augen schließen und denken, dann ging es wieder ran: Operieren, operieren. Er hätte sich dann in Münster um eine Arztpraxis beworben, das war sehr schwierig, es herrschte eine Ärzteschwemme. (Anders als bei Lehrern und Polizisten, die politisch aktiv waren. Z.B. weil sie Mitglied in der NSDAP waren). Er sei ein halbes Jahr von Behörde zu Behörde gelaufen. Dann erfuhr er, dass in Reckenfeld eine Arztpraxis neu zu besetzen sei. Darauf hat er sich beworben und sie auch erhalten, weil er angeben konnte, in Russland als Chirurg tätig gewesen zu sein. Dr. Reymann hätte die Gabe gehabt, Diagnosen früh und richtig zu stellen. Wie sein Vater / Großvater, die das auch konnten. Dr. Reymann war auch Knappschaftsarzt." Am 1. August 1949 trat Dr. Reymann seine Arztstelle in Reckenfeld an, die Praxisräume waren wie bisher an der Lennestraße, gewohnt haben er und seine Frau Franziska bei der Familie Heimsath, Emsstraße. Eine schwierige Zeit kam auf Dr. Reymann und seine Frau zu, die ihm sehr engagiert zur Seite stand: Die polnischen Displaced Persons waren zu einem großen Teil noch in Reckenfeld ansässig, seine Besuche in den Blöcken A und B hat er mit der Taxe von Conrad Badouin gemacht. Im Sommer 1952 trat dann in Reckenfeld und Umgebung die Spinale Kinderlähmung auf. Ein tragisches Ereignis: Eine polnische Frau mit ihrem Kind sei in die Praxis gekommen und deshalb zu spät, weil sie kein Geld hatte um den Arzt zu bezahlen, hätte sie gesagt. Reymann war sprachlos und hat sofort das Kind ins Krankenhaus überwiesen. Es sei aber am nächsten Tag gestorben. Es war zu lange gewartet worden, einen Arzt hinzuzuziehen. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Apotheke (Die erste Apotheke in Reckenfeld) |
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Apotheker Günther LogesAus der Sicht des Apothekers Günther Loges war seine Entscheidung von Herne nach Reckenfeld umzuziehen und in Reckenfeld eine Apotheke aufzumachen, wie folgt zustande gekommen: - Der Schwiegervater von Günther Loges (Direktor bei einer Bank in Herne) hatte in einer Zeitung die Anzeige von Heinrich Brinkmeyer - Besitzer vom Deutschen Haus und dieses Ladenlokals in Reckenfeld -, gelesen: "[...] in Reckenfeld wird für ein Ladenlokal ein Apotheker gesucht." Loges war zu dieser Zeit Angestellter bei einer Apotheke in Herne - Aufgrund dieser Anzeige sind im November 1958 Günther und Marlis Loges nach Reckenfeld gefahren und haben sich den Ort als auch die Lage des Hauses angesehen. Ihr Entschluss: Wir ziehen nicht nach Reckenfeld! - Aufgrund seiner Absage haben Lothar Fabian, Pfarrer Friedrich Esch und Pastor Wilhelm Müller erneut versucht, Loges zu bewegen nach Reckenfeld zu kommen - Daraufhin fuhren Günther und Marlis Loges erneut nach Reckenfeld. Fabian und Esch wirkten auf ihn ein. Pfarrer Müller war krank, dennoch fuhren die Drei zu ihm und alle kamen zu dem Ergebnis: Sie müssen es machen! Und dann sagten beide "Loges": Ja!Am 14. April 1959 eröffnete Günther Loges die erste Apotheke in Reckenfeld.Günther Loges:"Zu Beginn hatten wir es sehr schwer, da die Reckenfelder/innen es gewohnt waren, ihre Medikamente in ihren Arbeitsorten (Greven, Münster, Emsdetten) beziehen zu können. Erst durch die Mitwirkung von Pfarrer Esch und Pastor Müller haben die Reckenfelder sich umgestellt. Und ab da lief es." | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Sonstiges |
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Ende 1958 wurde in Reckenfeld auf der Industriestraße - in der Nähe des Lothar-Fabian-Weges - in dem ehemaligen Feuerwehrgebäude aus Depotzeiten ein Arzneimittellager eingerichtet. Auftraggeber war der RP, Dezernat 22, Reg. Rat Bätz. Vermieter der Räumlichkeiten war Frau Wwe. Bockelmann, Bahnhofstraße. Lagerverwalter: Karl-Heinz Sandbaumhüter bis 1960. Für das damalige Fernmeldeamt in Münster musste eigens für einen Telefonanschluss eine Oberleitung zum Kirchplatz 2 einrichten. Tel. 256. Das Arzneimittellager hatte den Zweck, für einen evtl. Katastrophenfall ausreichende Arzneimittel (Verbandsmittel, Medikamente usw.) zur Verfügung zu haben. Die Ein- und Ausgabe der Pakete musste ständig kontrolliert werden. Die Zuführung bzw. Abholung erfolgte durch den damaligen bahnamtlichen Spediteur Czekalla aus C. Ebenfalls wurden zahlreiche und umfangreiche Sendungen durch Lkw zugeführt bzw. abgeholt. Nach der Auflösung wurde der noch verbliebene Rest dann dem Franziskus-Hospital in Münster zugeführt. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Spinale Kinderlähmung |
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Wir schreiben das Jahr 1952, es ist Sommerzeit. Und in diese sonnige und schöne Jahreszeit trifft es wie ein Donnerschlag Familien in Reckenfeld, in Greven und im erweiterten Münsterland: Kinder, auch Erwachsene, können auf einmal ihre Beine oder ihre Arme nicht mehr bewegen. Es trifft zwar nur einige Reckenfelder Familien, aber das Geschehene spricht sich in Windeseile herum: Spinale Kinderlähmung im Ort! Was ist das für eine Krankheit, fragen sich besorgt die Reckenfelder? Und bekommen bald eine klare und schlimme Antwort: Die Krankheit ist ansteckend, die manchmal zum Tode, aber öfter zur Verkrüppelung führt. Die Krankheit befällt in erster Linie Kinder, besonders solche vor dem 5. Lebensjahr. Jedoch auch Erwachsene bleiben nicht verschont, wobei der Verlauf dann meist gefährlich ist. Was wird seitens der Gesundheitsämter dagegen getan, was haben Familien - besonders, die mit Kindern, zu beachten? Angst und Sorge machen sich breit und Verhaltensregeln werden aufgestellt und sind unbedingt einzuhalten Im Folgenden werden nur die Maßnahmen in Reckenfeld bzw. wo auch Reckenfelder davon betroffen sind, beschrieben:
Entdeckung der spinalen Kinderlähmung:Bereits als Assistenzarzt in Würzburg interessierte sich Heine für Erkrankungen der Gelenke und Knochen. In Cannstatt forschte er auf diesem Gebiet weiter und veröffentlichte 1840 ein Buch mit dem Titel "Beobachtungen über Lähmungszustände der unteren Extremitäten und deren Behandlung." Was er beschrieb, nannte er in der zweiten Auflage von 1860 ‚Spinale Kinderlähmung'. Damit ist Jakob Heine der Entdecker dieser Krankheit. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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"Es sind nur wenige Reckenfelder/innen an der Kinderlähmung erkrankt. Einige habe ich gekannt und noch in Erinnerung: Drei Erwachsene und einige Kinder: Frau Prief, Frau Hölscher sowie Waltraud Schupp und jemand von der Familie Pawelka und ein Familienmitglied von Melchers. Die Betroffenen (Kinder) seien sofort nach Münster zur Kinderklinik überwiesen worden und dort in Quarantäne gekommen. Die Erwachsenen , aber - wohin? Ob nach Greven ins Krankenhaus weiß ich nicht mehr. Die Kinderlähmung ist nicht nur in Reckenfeld gewesen, auch in Greven, sogar landesweit. Es war nicht leicht gewesen festzustellen, dass es sich um Kinderlähmung handelte. Das Gesundheitsamt musste unverzüglich informiert werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand zu Hause geblieben ist (siehe Sperling)." "Ich bin Jahrgang 1937 - war 15 Jahre alt und gerade aus der Volksschule entlassen worden, als ich krank wurde. Es fing mit Kopfschmerzen und Fieber an, und dann konnte ich die Beine nicht mehr bewegen. Ich wurde in die Kinderklinik nach Münster gebracht, war viele Monate in Behandlung, war auch im Hüfferstift und im Grevener Krankenhaus. Krankengymnastik machte man damals nicht." "Meine Schwiegermutter hatte Kinderlähmung. Sie war wahrscheinlich in der Uni-Klinik in Münster. Sie war auch an der Eisernen Lunge angeschlossen und lange in Behandlung. Mit eisernem Willen hat sie es geschafft wieder Fahrrad (Dreirad) zu fahren." "Unser Sohn hat auch was davon mitbekommen. Dr. Hummel (der Sohn des alten Dr. Hummel aus Emsdetten) sei zufällig in Reckenfeld gewesen. Da habe ihm der Dr. gesagt: lassen Sie ihren Sohn bloß zu Hause, und schicken sie ihn nicht ins Sammellager. Dort holt er sich erst recht was ab! Gesagt getan. Wahrscheinlich wurden die Kranken in ein Lager (wo?) geschickt, um nicht andere anzustecken." und fügt hinzu: "Jürgen - unser Sohn - ist zu Hause geblieben. Andere Kinder kamen zur Klinik nach Münster. Jürgen hatte es in den Beinen. Er hatte weiche Knie, und später beim Bund hatte er auch noch ein Gipsbett. Sauberkeit ist sehr wichtig, so der damalige Arzt." "Mein Bruder ist daran gestorben. Er hatte zuvor eine Kopfverletzung und eine Gehirnerschütterung. Dann kam die Kinderlähmung dazu. Heinrich, mein anderer Bruder, hatte das auch in der Schulter, aber nicht so schlimm." Wir hatten eine Blechschüssel mit einem Desinfektionsmittel in der Küche stehen, und darin haben wir uns ‚ständig' die Hände waschen müssen." "Mit der Waschschüssel, wie bei Hocks, das war bei uns genauso, Lennestraße 31, früher C5." "Auf dem unwegsamen Gelände (Marienfried) soll 1952 mit ‚Robinson soll nicht sterben' die erste Freilichtbühnenaufführung über die Bühne gehen. Doch eine Kinderlähmungsepidemie verhindert die Aufführung." | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Aus Zeitungen und Unterlagen des StaG |
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