Landwehren in der Gemarkung Reckenfeld

Einleitung

Innerhalb der gemeinen Mark Reckenfeld waren vor Jahrhunderten gleich mehrere Landwehren. Von zweien soll hier die Rede sein:

Welche Bedeutung hatten die Landwehren?

Landwehren waren mittelalterliche Grenzsicherungen.

Sie bestanden zumeist aus Erdwällen mit einem darauf verlaufenden undurchdringlichen Gehölzstreifen aus untereinander verflochtenen Hainbuchen und Dornen; häufig durch zusätzliche Gräben vor bzw. hinter den Erdwällen verstärkt. Teilweise oder zeitweise waren diese Gräben, sofern sie in ebenem Gelände lagen, mit Wasser gefüllt. Die Landwehren gehören heute zu den topographischen Bezeichnungen, die an historische Erdwerke erinnern, die einst ländliche Herrschaftsbereiche sicherten.

Ein Doppelwall in seiner Ausdehnung war 18-20 m einschließlich Außengräben breit. Der Doppelwall ist die vorherrschende Form der Landwehren in Westfalen und in anderen deutschen Landen.

Die Hecke stand nur auf den Wällen, nicht auch in den Gräben, denn diese mußten bezeugtermaßen alle paar Jahre ausgeräumt werden.

Der Landwehrbau war eine wirksame Maßnahme, die Bevölkerung gegen Übergriffe von Nachbarn und Feinden in Fehden und Kriegen zu schützen. Die Landwehren waren somit ein Mittel, den Auswirkungen mittelalterlicher Kriegsführung vorzubeugen. Sie behinderten dazu Räuberbanden am Betreten des geschützten Gebietes und erschwerten deren Rückzug nach erfolgten Beutezügen.

Den größten Teil der Urkunden und Akten bilden Schnadgangsprotokolle und Grenzverhandlungen, meist aus dem 16.-18. Jahrhundert.

Wichtiger als diese sind die landesherrlichen Verordnungen am allerwichtigsten die Erlasse des Fürstbischofs Ludwig vom Jahre 1321.

In einer Urkunde (sie gilt für Gievenbeck, Roxel, Albachten und Mecklenbeck etc.) ordnet Bischof Ludwig an, dass die Bewohner, damit sie die Landwehren wirksam gegen alle Eindringlinge verteidigen können, bewaffnet sein sollen und dass ihnen Vorteile eingeräumt werden.

So sollten sie nicht nur die Verteidigung der Landwehren gewährleisten, sondern den Kirchspielvölkern sollte auch die Errichtung und dauernde Instandhaltung obliegen!

Die Aufsicht bei diesen Landwehren führte der Kirchspielvogt; Zwischeninstanz zur Regierung war der Gograf.

Überfälle

In der Zeit zwischen 1272 und 1275 häuften sich die urkundlichen Nachrichten über Angriffe des Grafen von Tecklenburg auf den Grevener Markt und auf das Grevener Kirchspiel. Diese Angriffe waren so häufig und auch mit blutigen Fehden ausgetragen worden, dass man annehmen muss, dass der Graf von Tecklenburg keine Gelegenheit ausließ, wenn in Greven der Markt stattfand, auf dem Vieh, das in großen Herden von Friesland hierher getrieben worden war, und viele begehrten Waren angeboten wurden, den Markt und das Dorf zu überfallen. (Anmerkung: Tecklenburg liegt östlich von Greven und der Ems, deshalb dürften die hiesigen Landwehren im Reckenfeld kaum einen Schutz gegen den Grafen geboten haben.)

Allerdings machte eine nördlich bzw. nordwestlich von Greven zu bauende Landwehr dann Sinn, als der Graf von Tecklenburg sich ein Jagdschloß in Hembergen anlegte. Wenn dann von Hembergen aus Beutezüge in Richtung Greven stattfanden, mussten die Reiterscharen und Fußtrupps das Reckenfeld streifen bzw. die Landstraße von Münster nach Rheine in Anspruch nehmen.

Dass dann auf Geheiß des Bischofs von Münster (mehrere) Landwehren gebaut wurden, auch noch zusammentrafen und unmittelbar bis an Hembergen heranreichten, ist nachvollziehbar und macht Sinn.

Ausführung und Zustand der Landwehren

Die Wehrseite wurde mit einer steileren Böschung des Walls ausgeführt. Ein unüberwindbares Hindernis auch für einen in voller Rüstung herannahenden Ritter.

Auch konnten die Landwehren den Geschossen der Armbrüste und auch denen der frühen Feuerwaffen widerstehen.

Der Wall selbst war etwa zwei Meter hoch und auf dem stand dann das Gebück. Das wiederum war noch einmal 4-6 m hoch, so dass die Landwehr eine regelrechte Barriere war; sie war eben für den mittelalterlichen Menschen schier unüberwindbar.

Das Holz, das im Spätherbst bis zum Winter geschlagen wurde, beispielsweise nach dem Schlachten zum Räuchern genutzt wurde. Größeres Knüppelholz wurde zur Befestigung der Wege und Straßen verwendet, während Holz zur Unterhaltung der Herdstelle auf den Höfen verwendet wurde.

Natürlich ist im Laufe der Jahrhunderte viel Erdreich von den Wällen abgetragen worden und die Gräben haben sich durch Laub und Erde gefüllt.

Die Natur hat in den letzten Jahrhunderten, seitdem es Feuerwaffen gibt und die Landwehren überflüssig wurden, freien Lauf gehabt.

Lückenloses, wabenartiges Netz hiesiger Landwehren

Das Münsterland war zwar nicht komplett von Landwehren durchzogen, wohl aber der größte Teil des Oberstifts, wahrscheinlich das ganze Oberstift. Das Reckenfeld / Kirchspiel Greven lag im Amt Wolbeck des ehemaligen Stifts / Fürstbistums Münster und gehörte zum Oberstift.

Neben den Kirchspielslandwehren gab es aber auch noch Bauerschaftslandwehren, die das Kulturland der Bauerschaften umgaben und an besonders offenen Stellen gegen das Überlaufen durch Wild und Vieh schützen sollten. Auch von diesen Landwehren haben sich im Gelände und als Flurnamen noch manche Reste erhalten.

Wenn alle diese, meist auf den Kirchspielgrenzen verlaufenden Landwehren überhaupt einen Sinn haben sollten, dann müssen die Lücken des Netzes früher geschlossen gewesen sein, geschlossen entweder durch Landwehren oder durch andere Naturhindernisse.

In hiesiger Umgebung war die Ems für die von Osten kommenden feindlichen Geschwader ein kaum überwindbares Hindernis, besonders zu Frühjahrs- und Herbstzeiten.

Durchlässe in der Landwehr

Gesicherte Durchlässe durch eine Landwehr gab es nur auf Durchgangsstraßen, an denen analog zu den Toren in einer Stadtmauer Waren- und Personenkontrollen stattfanden. Daneben dienten Landwehren auch als wirksame Zollgrenzen.

Eine dieser Durchgangsstraßen in der Gemarkung Reckenfeld war die Rheinesche Landstraße - auch Munsterstrate genannt - an der ein Bäumer, der Reckenfelderbäumer, seinen Dienst verrichtete, in dem er einen Schlagbaum betätigte und die ankommenden und abgehende Personen kontrollierte. (Anmerkung: Norbert Reckenfelderbäumer schreibt dazu in seiner Familiengeschichte aus dem Jahr 2007: Wenden wir uns einer weiteren besonderen Aufgabe zu, die dem Reckenfelderbäumer übertragen sein könnte: dem Kassieren des Wegezolls. Auch diese Aufgabe liegt angesichts der Kirchspielgrenze und des gesicherten Schlagbaums durchaus nahe, aber wir haben hierzu keine konkreten Hinweise gefunden. Wir haben sie weder im Buch Greven von Prinz noch in den Unterlagen des städtischen Archivs finden können. Binnenzölle waren angesichts der vielen Länder in Deutschland an der Tagesordnung. Es handelte sich dabei um ein Regalrecht der Landesherren und es war eine beliebte Einnahme. Erst etwa ab 1830 wurde auf Initiative von Preußen die Binnenzölle abgeschafft und durch Außenzölle ersetzt. Einen Wegezoll hätte der Reckenfelderbäumer natürlich nicht für sich kassieren dürfen: Das Erheben von Wegezöllen war das Recht des Landesherrn, hier also des Fürstbischofs von Münster.)

Aus welcher Zeit stammen die Landwehren im Münsterland?

1274 ist das früheste Jahr, für welches die Existenz einer Landwehr im westfälischen Raum belegt ist.

Massenhaft aber wuchsen die Landwehren [...] etwa zwischen 1250 und 1500 aus dem Boden [...]

Es war eben die Zeit des gesteigerten Raub- und Fehdewesens, zugleich die Zeit des Aufkommens der Städte und des aufblühenden Fernhandels, in der das Bedürfnis nach solchen Schutzvorrichtungen, wie es die Landwehren sind, mehr und mehr geltend machte.

Aber nicht auf einmal konnte solch ein Unternehmen durchgeführt werden. Bei jedem Teilstück des Werkes waren ja Verhandlungen mit den Eingesessenen, großen und kleine Leuten, zu führen. Widerstände zu überwinden, Entschädigungen für den Grund und Boden aufzubringen, den Kirchspielvölkern irgendwelche Belohnungen zu gewähren. Also, nur allmählich konnte das große Werk ausgeführt werden. Aber es ist ausgeführt worden: Ludwigs Nachfolger haben sein Werk mit zäher Konsequenz fortgesetzt; das System muss sich also wohl bewährt haben im Sinne der Landfriedens-Sicherung. Jeder Trupp von Übeltätern stieß hier ja, wenn er eine Landwehr durchbrochen hatte, nach einigen Kilometern auf eine zweite und evtl. dritte, wo das inzwischen durch den "Klockenschlag" alarmierte, bewaffnete Kirchspielvolk zum "Empfang" der Herren bereit stand, besonders auch bei deren Rückmarsch, um ihnen die Beute an Vieh und Fahrnis wieder abzunehmen und ihnen das Wiederkommen zu verleiden.

Wer ließ die Landwehren bauen?

Der Bau der Landwehren wurde vom Landesherrn, hier dem Fürstbischof, befohlen. Unterhalten werden mußte die Landwehr von den jeweiligen Einwohnern des umgrenzten Territoriums.

Die Errichtung einer Landwehr war ein Gemeinschaftsprojekt, dabei wurden alle Kräfte mobilisiert und in den Dienst dieser Gemeinschaftsaufgabe gestellt.

Auflagen zur Pflege der Landwehren

Prinz - aus Gerichtsakten von 1578: Wer von den Nutzern, Begünstigten (Bauern u.a.) der Landwehr die auf dem Wall befindlichen Dornen, die Hainbuch bzw. das Gestrüpp nicht "in Schuß" und die Gräben nicht sauber hielt oder das Holz abschlug und es sogar noch verkaufte, mußte mit einer erheblichen Strafe in Höhe von 20 Goldgulden rechnen und diese an den Gografen zahlen! Wer weitere Durchlässe (Löcher) in die Landwehr schlug, erhielt ebenfalls eine empfindliche Strafe. [...]

Die Landwehr auf der Karte von 1597

Die Landwehr, die auf der Karte von 1597 existiert, und einen Teil des nördlichen Reckenfeldes abgrenzte, erstreckte sich von Lintel bis zum Reckenfelder Boom, nahe der heutigen Gastwirtschaft Hubertushof - dem ehemalige Kötter Micheel - an der Rheinischen Landstraße - auch Munsterstrate genannt. Diese Landwehr traf vermutlich im Westen auf die nach Borghorst und im Osten auf die bis an Hembergen heranreichende Landwehr.

1950 schilderte Prinz in seinem Buch "Greven an der Ems" über die von Lintel kommenden Landwehr aus Unterlagen, die einige Jahrzehnte später Aussagen über den Zustand der Landwehr machte: Da war inzwischen aus der intakten Landwehr - siehe Karte von 1597 - ein ‚dove' Landwehr geworden:

"Vort langs der Heggen uber die Linteler und Reckenfelder Heide, vor Schwerings Kotten (Schwer) her auf ein dove Landtwehr in gemeltem Reckenfeldt und selbige Landtwehr entlangs schradt (= quer) durch das Reckenfelt auf den Michaelis Kotten (Micheel) und furters uber die Mueste in und durch Overmans (Overmann, Bsch. Hembergen) Wießken nach dem Hasekenhoff (Sch. Haschhoff); daselbsten uber die alte Haußstette, worauf jetzo ein Schnadstein gesetzt worden; von dannen auff ein Bäum- oder Lindeken am Rövekamp, so gezeichnet, vort uber gemelten Kamp auff eine Landtwehr, so man verfolgt biß auf einen Fueßpatt, vort selbigen Fueßpatt hinunter neben Schulten Othmerings Hoff (Sch. Autmaring) jenseits des Dycks her in Hilmers (Hilmer, Hembergen) Garten und auß demselben durch Hilmers Kuhle umb dessen Hauß, Hoff und beede Gärten und also wider hinunter biß auf die Embs, alwoh folgenden Tags ein Schnadtpost gesetzt worden, weisend durch die Embse."

Die Landwehr auf Schulze Grotthoffs Grund und Boden

Diese Landwehr - aus Westerode kommend bzw. hinführend -, könnte die von Lintel kommende Landwehr beim Reckenfelder Boom (später Reckenfelderbäumer genannt) geschnitten haben.

Anton Schulze Grotthoff zu seiner Landwehr im Jahre 2007: "Mein Vater Anton Schulze Grotthoff hatte die Landwehr gekauft, damit sind wir Eigentümer dieser historischen Einrichtung. Zu einem späteren Zeitpunkt hatte mein Vater Kiefern gepflanzt, die zum Teil schon wieder abgeholzt worden sind." "Früher", so Grotthoff weiter "mußten die Bauern, die einen direkten Nutzen einer solchen Landwehr hatten, sich verpflichten, die Hainbuchen und das Dornengestrüpp zu verflechten. Hainbuchen waren wegen ihrer Biegsamkeit am besten geeignet."

Und Grotthoff weiter: "Die doppelte Landwehr hatte eine tiefen und breiten Mittelgraben und zwei Wälle und noch zwei Außengräben. Die gesamte Landwehr fällt nach Berkenheide ab. Einer der Außengräben war als Vorfluter angelegt. Vom Innengraben sind kleinere Einschnitte zum Vorfluter noch erkennbar, damit das Wasser dort hinfließen und weggeführt werden konnte. Der zweite Außengraben war nicht so tief angelegt. Das Wasser wurde erst an die durch die Landwehr führende Wege in den Vorfluter geleitet. Der mittlere Graben war trocken - also begehbar - vielleicht für Wachleute?"

Sein Vater hatte ihm erzählt, dass die Grundstückseigentümer für eine Bewachung an den Wegen, die die Landwehr durchschnitten, selbst sorgen mußten. Über die Wege gelangten die Eigentümer (wer das auch immer war) zu den eigenen anderen Ländereien. Je weniger Durchlässe eine solche Landwehr hatte, um so besser und um so leichter konnte sie bewacht und verteidigt werden. Der Bäumer im Reckenfeld war dagegen eine "öffentliche" Bewachung, weil auch an der Rheinischen Landstraße gelegen!

Die doppelte Landwehr verläuft SSW-NNO und hat auf dem Teilstück östlich der K 53 in Richtung Berkenheide (Wittlerdamm) eine Länge von 880 Meter, ist ca. 20 Meter breit und hat eine Höhe von 0,80 Meter. Der andere Teil - K 53 Richtung Beckermann - ist 380 m lang, Breite ca. 20 m und hat eine Höhe von 0,50 m. Weite Teile sind bereits verlandet.

Die Landwehr in Grotthoffs Busch im Zusammenführen mit anderen von Borghorst kommend bis Hembergen reichend, war eine Territoriallandwehr, sicherte nicht nur Greven ab, sondern auch die Bauerschaften Herbern, Hembergen, Westerode Fuestrup, Bockholt, Guntrup und Maestrup.

Ende der Landwehren im Münsterland

"Um 1785, in der viele Kirchspiellandwehren bereits verfallen waren [...]", steht in einem Protokoll.

Anderweitige Nutzung?

Während des Frankreich-Krieges gegen Preußen rückten im Oktober 1806 erstmals Truppen Napoleons in Greven ein. Sind französische oder deutsche Truppen durch die doppelte Landwehr in Grotthoffs-Busch marschiert?


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